Was soll ich schreiben in diesen Zeiten?

Pastorin Katja Engelhard

© Jürgen Schindler

von Pastorin Katja Engelhard


Dass ich das Nebeneinander von Frühling, Konfirmationsfeiern und der Warnung vor einem dritten Weltkrieg kaum ertrage? Dass ich mich über den ersten Spargel freue und ich gleichzeitig alle Kriegsbilder verdrängen muss, damit er mir überhaupt schmeckt? Dabei weiß ich natürlich: Mir geht es ja noch gold. So gold, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme.

Morgen ist Hirtensonntag. In den Kirchen beten wir dann eines der bekanntesten Gebete: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“ Ein Gebet für die ganz goldenen Zeiten. Und ich frage mich nicht zum ersten Mal: Ist das eine Feststellung oder eine Beschwörungsformel? Mein halbes Leben lang bete ich dieses Gebet fast jeden Tag. In den guten und in den ganz schlimmen Zeiten. Mal spreche ich es mit dankbarem Herzen. Manchmal trotzig, gegen alle Widerstände und Hindernisse. Und manchmal auch mit brüchiger Stimme, weil ich mich kein bisschen fühle wie auf der grünen Wiese am frischen Wasser.

Im Moment bete ich mit Wünschen für andere: „Gott, zück deinen Hirtenstab und schlag die Wölfe in die Flucht, wenn sie den Schafen zu nahekommen! Stell deinen gedeckten Tisch in die Keller zu denen, die hungrig und voller Angst ausharren. Salbe all die Toten mit duftendem Öl als letzte Geste der Achtung. Führ’ uns alle aus diesem dunklen Tal zurück auf die rechte Straße. Mach die verletzten Seelen wieder froh. Und hilf mir, dass durch meine Hände und Worte, Gutes und Freundlichkeit ihren Weg zu anderen Menschen finden.“

Was soll ich schreiben in diesen Zeiten? Ich habe keine guten Worte. Aber die alten Worte und Bilder helfen mir. In meinem Zorn und meiner Ohnmacht. In Glück und Dankbarkeit. Schon mein halbes Leben lang. Jeden Tag.