Von Furcht und Liebe

Pastorin Kerstin Otterstein

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von Kerstin Otterstein, Vertretungspastorin im Kirchenkreis


Die größte Furcht ist wohl die, zu kurz zu kommen im Leben. Jesus weiß um diese Furcht, deswegen beachtet und achtet er Menschen. Da kommt eines Tages ein reicher Mann Jesus: „Was soll ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme?“

Ewiges Leben heißt nicht „immer leben“; ewiges Leben heißt: immer in Liebe leben, himmlisch leben, geachtet leben, den Tod nicht fürchten. Wer will das nicht? Wer will nicht heraus aus Furcht und Lieblosigkeit, aus dem Berechnen und der Angst, zu kurz zu kommen? Jesus hört die Sehnsucht und er gewinnt den Reichen lieb. Weil er fragt und sucht, trotz allen Besitzes. Jesus sagt ihm: „Eins fehlt dir. Geh hin; verkaufe alles, was du hast und gib das Geld den Armen. Dann bist du reich im Himmel.“

Reich sein im Himmel: schwer für uns Menschen, die wir gerne festhalten, sammeln, horten, meist aus Furcht vor der Zukunft. Jesus sagt: „Mach dir keine Sorgen um dich!“ Wir antworten: „Das geht nicht, das kann ich nicht. Ein bisschen geben, das ja; auch mal ein bisschen mehr, das auch. Aber nichts festhalten – das geht gar nicht. Dazu ist mein Vertrauen nicht groß genug.“ Es gibt hundert Gründe, Gott nicht so weit zu vertrauen. Und alle überzeugen Sie und mich. Jesus überzeugen sie nicht. Jesus sagt zu jedem meiner Gründe geduldig: „Vertrau Gott in allem, und du hast weniger Angst um dich. Das macht wirklich glücklich.“ Wir können das aber nicht. Und was geschieht jetzt?

Jetzt wartet Gott und hofft, dass ich mich frage: „Warum hänge ich so an mir? An meinem Besitz, meiner Meinung, meiner Rechthaberei? Warum ist mein Vertrauen zu Ihm so klein?“ Gott sei Dank, dass Gott geduldig wartet. Darauf, dass mein Vertrauen zu ihm ein bisschen größer wird als meine Furcht zu verlieren. Darauf, dass ich jeden Tag ein bisschen mit mehr Liebe leben kann.