Kurze Unterbrechung
© Jürgen Schindler
von Pastor Marcus Book | Kirchengemeinde Einfeld
Zweimal hatte er den Weg schon gemacht - hoch ins vierte Stockwerk des Hauses, in dem wir damals lebten. Und beide Male hatte er schwer zu tragen. Noch dazu war es einer dieser unfassbar heißen Tage, wie wir sie selbst in unseren Breiten zuweilen im Sommer erleben. Dem Paketboten standen nicht nur die Schweißperlen auf der Stirn, er schnaubte auch hörbar nach Luft. Aber er sprang weiter von Stufe zu Stufe. Mir war beinahe schon die Einkaufstasche zu viel, die ich trug.
„Einmal noch“, raunte er mir im Vorbeigehen zu und machte ein ehrlich motiviertes Gesicht. Vor allem war er gut gelaunt wie immer.
Spontan bot ich ihm eine Wasserflasche an, als er schließlich wieder an mir vorbeikam. Zögernd nahm er sie. „Eigentlich hab‘ ich dafür keine Zeit“, sagte er, trank aber in großen Schlucken, pustete kurz durch und bedankte sich freundlich. „Nun muss ich aber weiter!“ Fröhlich pfeifend sprang er wieder los.
Es war eine jener Situationen im Leben, die man nicht planen kann, aber die für einen kurzen Moment eine seltsame Nähe zwischen zwei Menschen aufkommen lässt. Vor allem aber unterbricht sie den oft mühseligen Alltag und gibt im besten Fall den entscheidenden Impuls, um gestärkt wieder ans Werk gehen zu können.
Ich denke, das ist auch gemeint, wenn der Evangelist Jesus sagen lässt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28)
Der namenlose Paketbote wird sicherlich weder bei der Wasserflasche und hoffentlich auch nicht bei mir an Jesus gedacht haben, aber die Begegnung mit ihm hat mir gezeigt, wie das geht: Kurz oder auch länger alle Anstrengungen vergessen und die großen oder auch kleinen Lasten des Lebens neben sich zu stellen, wieder zu Atem kommen und dann auf den eigenen Füßen weitermachen.
