Die vergessene Kunst des Zuhörens

Pastor Gunnar Engel

© Jürgen Schindler

von Pastor Gunnar Engel, Apostelgemeinde Kiel


In unserem alltäglichen Lärm – dem ständigen Ping der Nachrichtenbenachrichtigungen, dem Rauschen der Informationsflut, dem Kampf um Aufmerksamkeit in sozialen Medien – scheint eine Fähigkeit besonders selten geworden zu sein: das aufmerksame Zuhören. 

„Höre, Israel", beginnt das wichtigste Gebet des Judentums. Und auch die christliche Tradition betont das Hören: „Der Glaube kommt vom Hören", schreibt Paulus. Bevor wir sprechen, handeln oder urteilen können, müssen wir zuhören – Gott und einander. 

Echtes Zuhören ist mehr als das physische Wahrnehmen von Schallwellen. Es bedeutet, dem anderen einen Raum zu öffnen, in dem er sich zeigen kann, wie er wirklich ist. Wer zuhört, legt seine eigenen Gedanken für einen Moment beiseite, um in die Welt des anderen einzutreten. Selten schenken wir jemandem Wertvolleres als unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. 

Jesus selbst war ein Meister des Zuhörens. Er hörte die unausgesprochenen Fragen hinter den Worten, die tieferen Bedürfnisse hinter den oberflächlichen Anliegen. Den Ausgegrenzten schenkte er Gehör, wo andere weghörten. 

In einer Gesellschaft, die von Polarisierung und verhärteten Fronten geprägt ist, könnte das Wiederentdecken dieser vergessenen Kunst heilsam sein. Zuhören heißt nicht, mit allem einverstanden zu sein. Aber es bedeutet, dem anderen seine Menschenwürde zuzugestehen – selbst, wenn seine Meinung der eigenen widerspricht. 

Vielleicht ist das erste Gebot der Nächstenliebe heute: Höre zu, bevor du sprichst.