Der kluge Mittelweg

Beate Harder

von Pastorin Beate Harder, Ev.-Luth. Friedensgemeinde Kiel


Der kluge Mittelweg

 

Der Wahlkampf kommt in die Endphase. Noch eine Woche wird uns der vielstimmige Chor der Wahlkämpferinnen und -kämpfer mit seinen zuweilen dissonanten Tönen beschallen. Das Werben und das Streiten gehören zu unserer demokratischen Kultur. In den Gottesdiensten am Sonntag vor der Wahl steht (zufällig) ein Text aus dem Alten Testament im Zentrum, der zum Gelingen des Lebens empfiehlt, einen guten Mittelweg zu finden und zu gehen. Letzte Urteile sollte man Gott überlassen und deshalb extreme, verurteilende Haltungen meiden. 

Wir wissen: Je radikaler Positionen werden, desto größer ist die Gefahr, in Konfrontationen mit unabsehbarem Ausgang zu schlittern. Wir kennen das auch aus unseren Partnerschaften oder Familien: Extreme Positionen können zu Verhärtungen und Konflikten führen, die sich nur schwer oder gar nicht wieder glätten lassen. Der „gesunde“ Mittelweg beinhaltet immer die Möglichkeit, einen größtmöglichen Konsens zu finden. Das gilt auch für politische Meinungen. Dauerhaft gute Beziehungen in Partnerschaften, Familien und Freundeskreisen sind wichtiger als extreme, scheinbar allein richtige Positionen einzunehmen, die die Beziehungen zerstören. 

Darauf wird es in der kommenden Woche ankommen: Sich nicht für am allerklügsten zu halten oder eine vermeintlich allein selig machende Wahrheit zu verkünden. Möge es Ihnen gelingen, sich in Familien und Freundeskreisen nicht zu zerstreiten, sondern einen guten Mittelweg zu finden, auf den sich alle einlassen können. Auch unsere Politikerinnen und Politiker müssen sich so positionieren, dass sie spätestens in den Wochen nach der Wahl einen klugen Mittelweg einschlagen können – sofern sie denn regieren wollen.