An der Schwelle

Propst Stefan Block

© Anna Leste-Matzen

von Propst Stefan Block


An der Schwelle zu einem neuen Jahr – was wird kommen? Was steht uns bevor? Krawalle in der Silvester-Nacht? Shitstorms im Netz?

Wir als Kirche suchen uns für jedes Jahr ein Leitwort aus der Bibel, eine sog. „Jahreslosung“. Die lautet für 2024 kurz und knapp aus dem 1. Brief des Paulus an Christinnen und Christen in Korinth: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“

Typisch weichgespülter Kirchen-Sprech? Nein, für mich eher ein deutlicher konstruktiver Gegenakzent zu manchem, was ich leider fürs nächste Jahr befürchte. Und wonach ich mich deshalb gern ausrichten möchte.

Die Bibel erzählt eine Geschichte, wo Leute versuchen Jesus zu provozieren. Angesichts einer Frau, die sich zweifellos falsch verhalten hat, wollen sie seine Wut herauskitzeln: „Was meinst du hat diese Frau verdient?“ Alle sind gespannt: Wird sich Jesus nun wie die Leute über die Frau empören und mit ihnen sie mit Steinen bewerfen? Oder wird er sich drücken und dadurch von ihnen als moralisch unglaubwürdig entlarvt? Und die Wut der Leute auf sich ziehen?

Doch sie haben die Rechnung ohne die Liebe gemacht. Jesus sagt nichts. Er kniet nieder und malt im Sand. Was soll das? Mit einer aggressiven Auseinandersetzung hätten sie umgehen können. Doch Jesus setzt andere Regeln: Er dreht gewissermaßen den ersten Buchstaben von „Wut“ um – und zeigt „Mut“. Und hält uns allen den Spiegel vor: „Wer von Euch fehlerlos ist, der werfe den ersten Stein!“

Donnerwetter, das ist mutig, sich so auch gegen die Aggressionen heute zu stellen. Statt Shitstorm – Selbsterkenntnis! Mehr Mut und Respekt – statt Wut. Wird uns das auch gelingen im neuen Jahr? Dass wir mehr Respekt und Menschenliebe wagen – auch gegen den Trend? „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“